Das Hetzgericht der Moderne Mediale Vorverurteilung eines Kopiloten

28. März 2015 // Zero

Dass der tragische Flugzeugabsturz des Germanwing-Airbus 4U9525 von den Medien derart ausgeschlachtet wird, sollte im vorhinein eigentlich jedem klar gewesen sein. Dass Presseorgane dabei aber auf so perfide Art und Weise moralische Werte komplett über Board werfen, sollte jedoch selbst eingefleischte Journalisten erschrecken. Kaum hat der französische Staatsanwalt Brice Robin den Verdacht geäußert, der Kopilot sei für das Unglück verantwortlich, haben schon die ersten Medien diesen Verdacht als Tatsache hingenommen. Der Kopilot wurde vorverurteilt. Vom Pressegericht. Er ist jetzt nicht mehr Tatverdächtiger, sondern Schuldiger. Vorname, Nachname, Wohnort, Bilder und weitere persönliche Informationen werden in der Medienlandschaft frei veröffentlicht. Das Presseurteil wurde schließlich gesprochen. Beweise? Muss es nicht geben. Die Presse hält sich doch nicht an unnötigen Details auf. Dafür ist keine Zeit.

Blockbuster

Bei solchen Dramen muss es schnell gehen, denn die haben ein Verfallsdatum. Der Ottonomalverbraucher besitzt nämlich nur die Aufmerksamkeitsspanne eines dreijährigen Kindes. Die muss daher zeitnah mit kurzen aber mehrteiligen Dramen unterfüttert werden. Dramen sind gute Blockbuster-Geschichten. Und Geschichten sind nun mal die Rohstoffe der Presse. Umso dramatischer, blutiger und gewaltsamer, umso besser die Story. Ein Flugzeugabsturz bei dem ein unauffälliger Kopilot der Terrorist sein soll? Genial! Die besten Geschichten sind jene Geschichten, bei der mit der Dauerangst der Leser und Fernsehzuschauer gespielt werden kann. „Die Gefahr lauert jetzt wieder überall, kauft und klickt mich bitte für mehr Infos“ könnte der Slogan dieser Pressportale sein. Besser hätte die Vorlage für den Kinofilm…äh… ich meine die Nachrichten gar nicht sein können. Interviews müssen bei der Berichterstattung auch her. Hier bezahlt man im Zweifel Statisten…äh… Interviewpartner. 75 Euro soll es für ein Interview gegeben haben. Als kleiner Nebenverdienst sozusagen. Die Presse möchte immerhin von den Klickprofiten auch etwas abgeben und Dritte am Erfolg teilhaben lassen. Wie selbstlos. Da darf man nur hoffen, dass der Interviewte seine Traurigkeit auch ausheuelt. Das sorgt für mehr Klickzahlen. Aber die grotesken Züge dieses Medienschauspiels hören hier nicht auf. Es werden Täterprofile per Ferndiagnose anhand einer Facebook-Seite oder ausländischen Professorenmeinung erstellt. In dieses Bild passt die Beschreibung eines Informanten, der den Tatverdächtigen als einen „Freak“ darstellt: „Er wollte unbedingt Pilot werden, aber er ist psychisch labil, hatte deshalb auch seine Ausbildung für einige Monate unterbrochen.“ Damit ist der mediale Bösewicht fertig geschnitzt. Alles passt. Scheinbar.

Nur eine Theorie

Die vom französischen Staatsanwalt geäußerte Theorie ist immer noch nur eine Theorie. Nichts ist bewiesen. Das wirklich merkwürdige ist, dass diese Theorie so schnell verlautbart wurde. So ein Vorgang ist ziemlich ungewöhnlich. Zum Vergleich: Am 20. Januar 1992 stürzte ein Airbus A320 der Air Inter in Straßburg ab. Der Abschlussbericht des Unfalls wurde allerdings erst am 23. November 1993 veröffentlicht. Der Bericht der im Februar 1996 abgestürzten Boeing 757 der Birgenair wurde im September 1999 veröffentlicht. Der finale Bericht des noch unvergessenen Concorde Absturzes wurde anderthalb Jahre nach dem Unglück der Öffentlichkeit präsentiert. Diese Zeiträume machen Sinn. Schließlich muss für so ein Gutachten jedes einzelne Flugzeugbauteil untersucht werden, damit der genaue Fehler lokalisiert werden kann. Solche Untersuchungen dauern an. Bis dahin heißt es von offizieller Seite: „Zu den gegenwärtigen Ermittlungen können wir momentan noch keine konkreten Aussagen machen.“ Eine Standardfloskel, die jedem geläufig sein dürfte. Auch das macht Sinn, denn die gründlichen Ermittlungen werden (normalerweise) möglichst objektiv in jede Richtung geführt. Im Fall des Flugs 4U9525 der Germanwings trifft diese Standardprozedur allerdings nicht mehr zu. Nur zwei Tage nach dem Absturz hat der Staatsanwalt in rekordverdächtigem Tempo am 26. März 2015 dem Kopiloten die Schuld zugewiesen.

Kopilot-Theorie

Die Audioaufnahmen des Flugrekorders geben zu verstehen, so der französische Staatsanwalt, dass der Pilot auf Toilette ging. Zuvor unterhielten sich die beiden Piloten jedoch ganz gewöhnlich. Dann – und hier setzt die Theorie an – höre man mehrmaliges Klopfen. Laut Staatsanwalt klopfte der Pilot an die Tür, um wieder das Cockpit betreten zu können. Der Pilot habe mit dem internen Telefon von außen das Cockpit versucht anzurufen. Der Kopilot reagierte wohl nicht. Nur sein Atmen sei zu hören gewesen. Der Kopilot stieß sonst keine weiteren Laute von sich und habe die Maschine mutmaßlich manuell zum Abstürzen gebracht. Vor dem Absturz waren noch die Schreie der Passagiere zu hören. Laut dem A320 Operating Manual ist die Tür von außen nicht mehr aufschließbar, sofern von innen permanent die Cockpit-Tür geschlossen gehalten bleibt. Hierzu müsste der angebliche Tatverdächtige Kopilot auch einen entsprechenden Schalter betätigt haben.

Diese von den Franzosen hier präsentierte Version ist lückenhaft und wirft gleich mehrere Fragen auf:

  1. Warum wurde niemand informiert?
    Laut Flightradar24 befand sich die Maschine in einem relativ steilen Sinkflug. Der Winkel des Sinkflugs war höher, als der des Starts. Er dauerte etwa zehn Minuten. Dem Piloten hätte dahingehend also definitiv etwas Auffallen müssen. Gemäß der Staatsanwaltschaft hat er auch mehrmals versucht, Kontakt mit dem Kopiloten aufzunehmen. Aber als er bemerkte, dass ihm der Zugang zum Cockpit verwehrt blieb, hat er was genau gemacht? Einfach nur angefangen Däumchen zu drehen und zugesehen, wie das Flugzeug und die Passagiere gen Tod rasen? Sofern es denn die Möglichkeit gäbe, hätte doch die Crew mindestens den Tower oder andere Leitstellen über den Stand der Dinge informieren können. Wenngleich die Erfolgschancen gering erscheinen mögen, soll aber nicht mal ein Versuch gestartet worden sein, die Tür gewaltsam aufzubrechen?
  2. Wie depressiv war der Kopilot wirklich gewesen?
    Das weiß niemand. Hier spekulieren die Medien einfach nur wild drauflos und schaffen irgendwelche Fantasieverknüpfungen, um den Kopiloten in das für sie richtige Licht zu rücken. Fakt ist, dass er fliegen durfte. Fakt ist auch, dass man ihm bisher nichts anlasten kann.
  3. Warum hat der Kopilot keinen größeren Schaden verursacht?
    Wer sich die Flugroute auf Flightradar24 nochmal ansieht, wird feststellen, dass der Sinkflug in Höhe von Marseille eingeleitet wurde. Wenn man der Kopilot-Theorie glauben darf, haben wir es hier mit einem kaltblütigen Mörder zu tun. Er wollte mit seinem Tod auch andere an seinem Leid teilhaben lassen. Warum hat er dann aber nicht gleich Marseille angesteuert? Damit wäre der Schaden doch noch größer gewesen. Er hätte sein Leid mit noch mehr Menschen teilen können. Warum verschonte er diese Stadt und diese Leben und landete irgendwo in einer „unbedeutenden“ und bevölkerungsarmen französischen Ortschaft namens Barcelonnette?
  4. Ein kranker Flugnarr bleibt ruhig?
    Der Kopilot war angeblich ein Flugnarr, der schon früh mit der Fliegerei angefangen haben soll. Die Theorie legt nahe, dass der Flugnarr wegen seiner Depression kurz vor seinem Karriereende stand. Wenn das der Fall war und er deshalb diese Art des Suizids gewählt haben sollte, warum hat er nicht einen Abschiedsbrief verfasst oder sogar eine Abschiedsrede gehalten? Die beste Rede, die er hätte halten können, wäre eine abschließende Rede auf den Flugschreiber gewesen. Ein ultimativer Abgang. Auf diese einmalige Gelegenheit soll er verzichtet haben?
  5. Warum verließ der Kopilot nicht die Flugroute?
    Das sollte doch der letzte Moment gewesen sein. Sein letzter Moment. Sein letzter Befreiungsschlag. Alles war ihm egal gewesen. Warum war es ihm aber nicht egal, die Flugroute zu verlassen? Er flog dieselbe Flugroute, die auch sonst auf dem Weg nach Düsseldorf geflogen wird. Dieselbe Flugroute, die ihm auferlegt wurde. Warum hat er sich auf seiner letzten Strecke nicht davon befreit und sein eigenes Grab geschaufelt? Er übernimmt die Kontrolle über das Cockpit, verlässt die geplante Flughöhe aber möchte nicht die Richtung seines Todesflugs bestimmen?
  6. Wer hat den Sinkflug eingeleitet?
    Laut Staatsanwaltschaft ist der Kopilot für den Sinkflug verantwortlich gewesen. Es wurden doch aber nur die Audioaufnahmen des Flugschreibers überprüft. Wie kann man also wissen, dass der Sinkflug tatsächlich manuell vom Kopiloten eingeleitet wurde?
  7. Eine unglückliche Zufallskette?
    Vielleicht gab es einfach nur eine Aneinanderkettung von unglücklichen Zufällen. Der Pilot verlässt das Cockpit, die Tür schließt sich hinter ihm, der Copilot wird ohnmächtig und es kommt im gleichen Moment zu massiven Systemausfällen. Sehr unwahrscheinlich. Dennoch möglich.
  8. Warum werden die Aufnahmen nicht veröffentlicht?
    Der Staatsanwalt hat nun seine Theorie mit der Weltöffentlichkeit geteilt. Warum aber hat er nicht gleich auch das entsprechende Beweismaterial mitgeliefert?

Alternative Theorie

Dass Behörden Theorien so schnell verlautbaren lassen, bedeutet oftmals Vertuschung. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Deutungshoheit zu gewinnen, in dem man am Höhepunkt einer sehr kurzlebigen Aufmerksamkeitsspanne der Weltbevölkerung seine eigene Version des Unfallhergangs verkauft. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie zu hundert Prozent stimmt oder genau ist. Wichtig ist nur die schnelle Verlautbarung dieser Theorie. Durch seinen offiziellen Charakter wird sie damit nicht nur zur einzigen ernstzunehmenden Theorie, sondern durch seine mediale Dauerwiederholung auch zum Faktum. Die Ermittler geraten so auch unter politischen Druck, Beweise zu finden, um die Theorie zu untermauern. Was aber könnte die französische Regierung vertuschen wollen? Unter Umständen gab es einen technischen Defekt. Es könnte somit ein Interesse bestehen, das Unternehmen Airbus (Hauptsitz in Toulouse) schützen zu wollen. Das wäre nicht das erste Mal, dass die französischen Behörden zu so etwas in der Lage wären.



Eine mögliche Theorie wäre auch, dass der Luftraum in Frankreich schlecht überwacht wurde. Letzteres kann allerdings nicht so recht erklären, warum der Sinkflug eingeleitet wurde.

Erwähnenswert ist es auch, dass sich unter den Opfern eine Mitarbeiterin des US-amerikanischen Geheimdienstes National Geospatial-Intelligence Agency befand. In den dunklen Seiten des Internets vermuten einige Menschen ein geheimdienstliches Machwerk. Zu bedeuten hat diese Tatsache aber überhaupt gar nichts. Die US-Amerikaner müssen etwa 40 Prozent des Wirtschaftsaufkommens an den Staat abdrücken. Dass man deshalb hin und wieder auf staatliche Bedienstete aus den USA treffen dürfte, ist nicht weiter ungewöhnlich.

Liebe Medien

Bei all der Löchrigkeit könnte man nun annehmen, dass die Medien zurückrudern und den vorverurteilten Täter zumindest unter den Schutz der Unschuldsvermutung stellen, seine Fotos pixeln und seinen vollständigen Namen verdecken. Vorerst. Zumindest solange, bis ein abschließender Bericht formuliert wurde oder handfeste Beweise das Tageslicht erblicken. Weit gefehlt. „Jetzt erst recht!“ heißt der Tenor einer FAZ- und BILD-Meldung. Dieser medial aufgeladene Hass entlädt sich durch diese Art der Berichterstattung auf diversen Internetseiten. Wundern sollte das niemanden. Genauso wenig sollte es die Presselandschaft wundern, wenn man bei so einer Einfältigkeit als Lügenpresse geschimpft wird. So einen Titel muss man sich erstmal verdienen.
Die Aufgabe der Medien ist es nicht einer offiziellen Version nur deshalb Glauben zu schenken, weil es die offizielle Version ist. Es ist auch nicht die Aufgabe der Medien dieser Theorie zu widersprechen, nur weil es die offizielle Theorie ist. Die Medien sind grundsätzlich nur der Wahrheit und deshalb auch zu kritischem Denken verpflichtet. Kritikfähigkeit ist aber mittlerweile auf dem medialen Friedhof gelandet. Die offizielle Version wird grundsätzlich nicht mehr in Frage gestellt. Wichtige Fragen werden überhaupt gar nicht mehr gestellt. Informationen werden einfach hingenommen. Die Wächter der Freiheit sind zu Hofberichterstattern verkommen, die die Wahrheit bestattet und die Sensationsgeilheit zu einem satanischen Ritual heraufbeschworen haben.




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