Erdogan, der Halbmondkönig "Der Staat bin ich"

26. Juli 2016 // Zero



Erdogan, der Halbmondkönig, oder der Wahnsinnige vom Bosporus, wie er hierzulande auch liebevoll von einigen genannt wird, hatte vor einigen Tagen alle Hände voll zu tun gehabt. Zunächst einmal muss das Geschäft mit dem ISIS-Öl aufrechterhalten werden. Diesen Teil des Familienunternehmens hat der Despot an seinen Sohn Bilal Erdogan delegiert. Um die verletzten ISIS-Kämpfer hingegen kümmert sich liebevoll seine Tochter Sümeyye Erdogan. Die unterhält ein geheimes Militärkrankenhaus für verwundete ISIS-Kämpfer. Natürlich hat all das nicht erst vor ein paar Tagen stattgefunden, das fromme Milliardengeschäft mit dem sich die Familie Erdogan die Taschen mit Banknoten vollstopft, läuft schon seit einigen Monaten. Der Halbmondkönig ist also wirklich schwer beschäftigt. Vor allem die kritischen Journalisten machen dem Herrn das Leben schwer. Zu Hause in der Türkei sperrt er sie ein. Erdogan ist aber auch permanent auf Tournee: Ausländische Journalisten lässt der Staatsmann mit Minderwertigkeitskomplexen auch gerne mal anzeigen.

Der Putsch

CNN Türk - Erdogans erste Stellungnahme nach dem Putsch

Ach ja, da gab es ja auch diesen neuerlichen Putsch, der nichts bewirkte, außer dem König noch mehr Macht zuzuschanzen. Es war Erdogans ganz persönlicher Reichtagsbrand, sein Golf von Tonkin-Zwischenfall, sein 9/11. Zum ersten Mal in der Mainstreammdien-Geschichte wurden jedoch nicht die Aggressoren schuldig gesprochen, stattdessen verdächtigt man den Despoten selber. Der FOCUS titelt „Wie Erdogan zu dem Mann wurde, dem man alles zutraut“. Der STERN fragt: „Steckt Erdogan selbst hinter dem Putsch?“ Selbst die ultralinke staatstreue Fraktion vom SPIEGEL stellt die offizielle Version in Frage. Die vom Mainstream vorgebrachten Zweifel lassen natürlich aufhorchen. Wollen hier die Büttelknechte vom CIA und der US-amerikanischen Thinktanks einen geheimdienstlichen Coup des Westens decken oder hat Erdogan den Putsch tatsächlich selbst inszeniert? Wer weiß, in einer von Psychopathen regierten Welt ist alles möglich. Tatsache ist, dass der Putsch amateurhaft durchgeführt wurde:

Auch die Medien wurden nicht vollständig oder rechtzeitig eingenommen. So hatte Erdogan genug Zeit gehabt, sich auf CNN Türk über FaceTime an das Volk zu wenden. Er hatte zu dem Zeitpunkt wohl schon geahnt, welche Amateure am Werk sind und wusste, dass der Aufstand erfolglos bleiben wird. Er sprach dann auch schon von schweren Strafen, welche den Putschisten droht. Gleichzeitig bat er die Bevölkerung auf die Straßen zu gehen, um Widerstand zu leisten. Derweil bekunden einige Türken mit dem Hashtag #DarbeDegilTiyatro (zu deutsch: Kein Putsch, sondern ein Theater) starke Zweifel an der offiziellen Version. Ich halte einen von Erdogan inszenierten Putsch zwar nicht für unmöglich, dafür aber für sehr unwahrscheinlich. Die Tatsache, dass Erdogan sich auf einen privaten westlichen Sender verlassen musste und hier nur eine erbärmliche Kamera auf Smartphone Schalte realisiert werden konnte, zeigt, dass er in dem Moment keine Kontrolle mehr über das Geschehen hatte. Nicht vergessen sollte man auch, dass die Putschisten auf das Volk geschossen haben, nachdem dieses auf die Straßen ging und Widerstand leistete. Dabei starb unter anderem auch der AKP-Marketingstratege und Erdogans enger Weggefährte Erol Olcak und dessen 16-jähriger Sohn. Bei seiner Trauerrede ist Erdogan in Tränen ausgebrochen und konnte nicht mehr weiterreden. Erdogan ist zwar ein schmieriger, opportunistischer, autoritärer und korrupter Politiker, er ist definitiv aber nicht blöd. Er würde loyale und nützliche Anhänger, die ihm beim Wahlkampf helfen, nicht einer sinnlosen Gefahr aussetzen. Ich halte Erdogan auch nicht für einen verrückten außer Rand und Band gerratenen Politiker, der jeden Strohhalm nutzt, um an noch mehr Macht zu gelangen. Wir reden hier immerhin über die türkische Armee, welche, laut HUFFINGTON POST, zu den zehn stärksten Militärmächten der Welt gehört. Mit so einer Macht spielt man nicht.

Das Nachbeben

Wenn der Putsch das Ziel haben sollte, Erdogan und der AKP noch mehr Macht zu geben, dann war er auf ganzer Linie erfolgreich gewesen. Seitdem gab es tausende Festnahmen, Suspendierungen und Schließungen von Institutionen. Der Verdacht: Die jeweiligen Personen und Organisationen sollen Fethullah Gülen nahe stehen. Gülen soll, laut türkischer Regierung, der Hauptdrahtzieher des Putsches gewesen sein. Keine Krise ungenutzt lassen, diesem Motto folgt Erdogan ausgesprochen gut. Die Anhänger freuen sich. So hat Betül Ulusoy gemeint, der Putsch habe auch etwas Gutes an sich, jetzt werde wenigstens der „Dreck“ gesäubert.


Da hat das zu eng anliegende Kopftuch vermutlich ein paar Synapsen zu viel abgeklemmt. Sie hat den Beitrag glücklicherweise gelöscht und durch einen Schwall von noch mehr sinnlosen Wörtern ersetzt. Aber hey, was erwartet man auch von einer vollintegrierten Kopftuchmuslima, die als Facebook Cover ein Brandenburger Tor in den Farben der türkischen Flagge hat? Zumindest hat sie mit der Säuberungsaktion einen Zusammenhang zum Dritten Reich hergestellt. Dafür hat sie definitiv einen Integrationspreis verdient.

Das langsame Sterben der kemalistischen Republik

Welchen Hass die Liebe Frau Ulusoy in ein paar Worten von sich gab, repräsentiert den Geist der meisten Türken äußerst gut. So haben sich die Lynchmobs auf den Straßen der Türkei auf ganz eigene Art und Weise um den „Dreck“ gekümmert. Sie haben sich dem Militär nicht nur entgegengesetzt, sich verteidigt, sie haben die Putschisten auch nach der Kapitulation gefoltert, misshandelt, verstümmelt und getötet. Hohe Generäle wurden öffentlich im Fernsehen vorgeführt, ohne öffentliche Verhandlung oder Verurteilung. Kemal Atatürk schwebte eine moderne und westliche Türkei vor. Er brach die veralteten gesellschaftlichen Strukturen auf, wohl wissend, dass er dadurch ins Kreuzfeuer der Fundamentalisten geraten könnte. Das war ihm egal gewesen, notfalls hätte er auch gegen weite Teile seines Volkes gekämpft. Ihm ging es um Fortschritt und Freiheit. In sein Tagebuch schrieb Atatürk folgendes:

„Sollte ich eines Tages großen Einfluß oder Macht besitzen, halte ich es für das Beste, unsere Gesellschaft schlagartig – sofort und in kürzester Zeit – zu verändern. Denn im Gegensatz zu anderen glaube ich nicht, daß sich diese Veränderung erreichen läßt, indem die Ungebildeten nur schrittweise auf ein höheres Niveau geführt werden. Mein Innerstes sträubt sich gegen eine solche Auffassung. Aus welchem Grund sollte ich mich auf den niedrigeren Stand der allgemeinen Bevölkerung zurückbegeben, nachdem ich viele Jahre lang ausgebildet worden bin, Zivilisations- und Sozialgeschichte studiert und in allen Phasen meines Lebens Befriedigung durch Freiheit erfahren habe? Ich werde dafür sorgen, daß sie auch dahin kommen. Nicht ich darf mich ihnen, sondern sie müssen sich mir annähern.“

Das genaue Gegenteil verfolgt der Halbmondkönig. Er bedient sämtliche Zielgruppen um an der Macht zu bleiben. Ein bisschen Kurdenpolitik hier, ein bisschen säkulare Politik da und ganz viel Islampolitik sorgen dafür, dass Erdogan und seine AKP an der Macht bleiben. Erdogan hat keine Vision, er möchte einfach nur das wichtigste Glied des Staates sein. Er spielt sich auf und wird grantig, wenn er nicht die Wertschätzung bekommt, die er seines Erachtens verdient hat. So hat der Halbmondkönig die Trauerfeier von Mohammed Ali vorzeitig verlassen, weil er keine Koranverse vortragen und auch nicht ein Stück Stoff von der Kaaba auf dem Sarg platzieren durfte. Bei so einem Kleingeist lässt es sich natürlich sehr gut erklären, warum Erdogan eine Reihe von unliebsamen Journalisten einfach einsperren lässt.

Viele Erdogananhänger verstehen diese Kritik als einen Angriff aufs Türkentum. Da stelle ich mir die Frage: Seit wann zur Hölle ist Erdogan die Türkei geworden? Hier eine kleine Lehrstunde: Kritik dient dazu, um Missstände aufzudecken. Nur so können diese abgestellt werden. Aber das interessiert unseren Halbmondkönig herzlich wenig und so muss das türkische Volk Umsatzeinbußen wegen fehlender Touristen in Kauf nehmen, für das große Ganze natürlich. Seit 2015 sind die Umsatzzahlen in diesem für die Türkei so wichtigen Wirtschaftszweig, der Tourismusbranche, rückläufig. Aber vermutlich möchte der Halbmondkönig einfach nur eine neue Form des Tourismus für sich gewinnen, den Dschihad-Tourismus. Insofern beschreitet die Türkei einen gar nicht mal so falschen Weg.




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