Feindbild Russland Mediale Kampagne gegen einen europäischen Nachbarn

18. November 2014 // Zero

Da hat der öffentliche Rundfunk doch tatsächlich beschlossen, die Höhle des Löwen in Wladiwostok (zu deutsch „Herrscher des Ostens“) zu betreten und Putin zu interviewen. Nach einer so aufwendigen medialen Hetzkampagne gegen Russland kommt den deutschen Medien ein bisschen Abwechslung gerade Recht. Es wurde einfach schon eintönig langweilig. Das Interview war die Konsequenz einer zu groß gewordenen Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Es war auch nicht zuletzt die Auswirkung von kriegstreiberischen Handlungen (in Form von Wirtschaftssanktionen), die die wirtschaftliche Belastbarkeit der vor allem europäischen Nationen auf eine harte Probe stellt.

Die Kritik an den Leitmedien muss groß gewesen sein. Der NDR verhielt sich entsprechend vorsichtig. Sie schickten den eher zaghaft wirkenden Hubert Seipel zum Putin-Interview vor. Der verbeugte sich während der gesamten Fragerunde zu Putin hin. Das Transkript hat der öffentliche Rundfunk auch vorsichtshalber inklusive russischem O-Ton veröffentlicht.


Das Interview spiegelt eine veränderte Sicht des Rundfunks dar. Der setzt (zumindest gegenwärtig) auf Annäherung. War es doch vor allem der deutsche Rundfunk, der sich beim Ukraine-Konflikt nach einer öffentlich wirksamen Kritik einer Krone-Schmalz durch den ARD-Programmbeirat selbst eine „fragmentarische“, „tendenziöse“, „mangelhafte“ und „einseitige“ Berichterstattung vorgeworfen hat.

Selbstkritik ist nicht schön. Man muss sich Fehler eingestehen und das kratzt am Ego. Deshalb wischt man diese auch schnell wieder weg. „Die Kollegen vor Ort machen einen guten Job“, heißt es jetzt wieder.

Der Eindruck eines bösen Russlands bleibt. Dieses Image wird täglich weiter befeuert. Hier mal eine Auflistung von kürzlich veröffentlichten Artikeln über Russland:

Und weil der russische „Gegner“ gänzlich zerstört werden soll, greift man nun auch gleichzeitig den neuen deutschen Medienableger von RussiaToday an:

Der deutsche Ableger von RussiaToday verhält sich unbeholfen und amateurhaft. Der Angriff auf den NDR, bei dem der Chef-Redakteur Ivan Rodionov unerlaubterweise die Tür des NDR-Autos aufreißt, um den Reporter in Bedrängnis zu bringen, ist mehr als unprofessionell. Vielleicht sind das Kinderkrankheiten eines jungen russisch-deutschen Senders. Vielleicht. Die Reaktionen auf den Sender sind allerdings mit Sicherheit überzogen. Sie gehen soweit, dass der Name RussiaToday wie Voldemort tunlichst vermieden wird. Netzpolitik lehnt gar sämtliche Interviewanfragen des „rechtsaußen einsortierten“ Propagandisten, dessen Name nicht genannt werden darf, strikt ab. Und das obwohl sie die grundsätzliche Kritik einer „unterkomplex und einseitig“ geführten Berichterstattung des Ukraine-Konfliktes mit RussiaToday durchaus teilen. Im selben Artikel wird ironischerweise auch noch „mehr Medienkompetenz und mehr politische Bildung“ gefordert. Das fordere ich auch und fange gleich mal mit einer Aufklärungskampagne in Richtung Netzpolitik an: Netzpolitik, wusstest du eigentlich, dass RussiaToday eine Julian Assange Show hat? Netzpolitik, wusstest du, dass Richard Stallman bereits mehrfach von RussiaToday interviewt wurde? Netzpolitik, wusstest du, dass RussiaToday Reporter auch Russland kritisieren dürfen?

Wer aus dem Geschriebenen eine Lobeshymne für Russland oder einen russischen Sender herausliest, hat hier etwas falsch verstanden. Ich spreche mich für Dialog und vor allem für Meinungsfreiheit aus. Wer aber auf Grund von Angst oder falsch verstandener Solidarität unbedacht handelt, gefährdet diese so wichtigen Bestandteile einer freien und prosperierenden Gesellschaft. Statt Meinungsaustausch werden Meinungsmauern aufgebaut und Meinungsflüchtlinge mundtot geschossen. Die DDR lässt grüßen. Deutschland braucht deshalb einen Führer, einen politischen Meinungsführer, der ein bisschen Licht ins Dunkel bringt. Wie wär’s z.B. mit Gorbatschow, der vor einem Dritten Weltkrieg warnt?

Das ist der Startschuss für Selbstkritik unter vorgehaltener Hand. Die Meinungselite in Person von Ulrich Deppendorf erachtet Gorbatschows Meinung nun für würdig genug, um ihr Recht zu geben.


Was heißt das? Das heißt, dass die gleiche im Vorfeld geäußerte Kritik weiter Teile der Bevölkerung, die gleiche Kritik von Krone-Schmalz und die gleiche Kritik des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft bedeutungslos ist. Sie ist bedeutungslos, weil sie nicht Teil eines handverlesenen und einflussreichen Meinungszirkels ist. Wie man da jetzt reinkommt, weiß ich nicht. Ich bin ja auch nicht drin und streng genommen darf ich diesen Artikel deshalb gar nicht schreiben. Deswegen höre ich jetzt auf.


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